Oxley Bora Parasailor

Eigentlich ist mein Schiff mit ca. 72 qm (Groß und Arbeitsfock am 7/8 Rigg) bei nominell 6,3 to, faktisch vermutlich mehr als 7 to Gewicht, ganz gut besegelt. Am Wind muss ich spätestens ab 15 kn Wind das Großsegel reffen. Einen Spinnaker habe ich nicht und ein solcher kommt auch nicht in Frage, weil ich viel einhand segele und mir das Handling eines Spinnakers allein nicht zutraue. Bei raumen (> ca. 120 Grad AWA) und achterlichen Windrichtungen kann ich die Fock ausbaumen und ab ca. 12 kn Wind läuft das Schiff dann auch ganz gut. Allerdings drückt und scheuert das Großsegel bei diesen Kursen doch ziemlich an den etwas nach achtern gepfeilten Salingen.

Um auf diesen Kursen bei schwächeren Winden mehr Vortrieb zu gewinnen, habe ich lange mit einem aufrollbaren Gennaker geliebäugelt. Dafür wäre allerdings ein Gennakerbaum zwingend erforderlich gewesen, wofür mir aber auch nach längerem Tüfteln keine einfache und gute Lösung eingefallen ist. Außerdem würde ein Gennaker zwar bei raumen, aber eben nicht bei achterlichen Winde helfen. Im vergangenen Sommer schließlich bin ich auf einem längeren raumen Kurs von Sassnitz an Bornholm vorbei Richtung Karlskrona von einer Yacht etwa gleicher Größe nur unter einem Parasailor Segel mit dem charakteristischen Flügel souverän überholt worden, was mir nicht oft passiert. Ich hatte ungefähr 2 Stunden Zeit mir das Boot und das Segel anzusehen. Das hat mein Interesse geweckt und den Anstoß gegeben, mich mit dieser Art Segel auseinander zu setzen. 

Als erstes hat mich bei der Recherche erstaunt, wie groß der Bereich von Windrichtung und –stärke sein soll, den ein solches Segel laut Hersteller abdecken kann. Die Angaben decken sich in etwa bei den beiden in Frage kommenden Herstellern ISTEC und Oxley. Ich verwende hier die Darstellung von Oxley, weil ich mich am Ende des Entscheidungsprozesses für den Oxley Bora entschieden habe und bis jetzt sehr zufrieden damit bin.

Wenn diese Angaben auch nur annähernd stimmen, macht es für mich als Fahrtensegler keinen Sinn, 2 Segel (Spi und Gennaker) statt eines Parasailors zu kaufen und an Bord bereit zu halten.

Als einhand oder mit kleiner Crew Segelnder überzeugt mich die Funktion der Tragfläche mit ihrer stabilisierenden Wirkung. In Böen wird das Segel stabilisiert und genauso wie der Bug des Schiffes nach oben gezogen und gleichzeitig funktioniert der Spalt wie ein Ventil, über das überschüssige Winddruck im ersten Moment entweichen kann. Damit sollen günstige Voraussetzungen für die Steuerung durch den Autopiloten gegeben sein und geringere Anforderungen an das Handling des Segels.

Ich habe mich dann für den Bora von Oxley entschieden, weil ich dort auf Anhieb eine gute und angenehme Beratung bekommen habe. Ein Ansprechpartner, der telefonisch zur Verfügung stand und auf jede Frage eine plausible und ehrliche Antwort hatte. Etwa, dass die Segel in Sri Lanka hergestellt werden in einem arrivierten Segel Loft, das u. a. spezialisiert ist auf die Herstellung von Kite Segeln. Und dass die Segel nach Fertigstellung in einem speziellen Windkanal einmal probeweise gesetzt werden, um sicherzustellen, dass insbesondere die Tragfläche sauber gearbeitet ist und reibungslos funktioniert. Auch die Möglichkeit ohne viel Federlesens mit einem anderen Privatkunden zu sprechen, der das Segel in ähnlichen Anwendungsszenarien nutzt, wie ich es vorhabe, fand ich angenehm. Insgesamt fand ich die Beratung im Hinblick auf Größe und Farben, aber auch das spätere Handling und die erforderliche Ausstattung sehr gut und instruktiv. Eine Größenänderung, die ich aufgrund eines Messfehlers nach Auftragserteilung noch veranlassen musste, konnte unkompliziert und schnell realisiert werden. Ich habe mich für den Bora mit einer Lieklänge von 13.35 m und knapp 90 qm Segelfläche entschieden.

Ja, und dann wurde etwa 3 Monate nach der Beauftragung im Januar ein riesiger Karton angeliefert. Das Segel war in einem eigenen Sack, daneben der Bergeschlauch mit aufblasbaren Trichter und vormonierter Bergeleine, Segeltasche sowie Luftpumpe und Schäkel. Natürlich wollte ich das Segel so schnell wie möglich auspacken und prüfen und dann auch in den Bergeschlauch bugsieren, um es im Sommer bereit und fertig zum Setzen zu haben. Das ist nur bei dieser Größe nicht ganz so einfach, jedenfalls nicht in einer normalen Wohnung. Zum Glück konnte ich die Räume einer Yoga Schule nutzen und so das Segel wirklich komplett entfalten und prüfen.

Bei dieser Packerei habe ich praktisch jede Naht sehen und einen guten Eindruck von der Verarbeitungsqualität gewinnen können. Die schiere Größe des Segels hat mir dann allerdings auch einen gehörigen Respekt eingeflößt. Ich bin in den folgenden Monaten fast täglich an der großen Segeltasche vorbei gelaufen und habe ich – immer wieder und manchmal durchaus etwas beklommen – gefragt, ob und wie ich dieses Trumm im Sommer alleine gesetzt und heil wieder runter bekommen werde.

Dann endlich im Juni auf einem Frühsommertörn nach Schweden ist es so weit. Eines Morgens geht ein leichter SW um die 6 kn, die See ist ruhig und glatt und ich wage es erstmals das Segel zu setzen. Einhand. Während das Schiff unter Maschine und Autopilot langsam vorwärts läuft, schlage ich die Schoten und die Niederholer an. Für die Niederholer habe ich am vorderen Ankerbeschlag 2 Snatchblöcke angebracht, von wo aus die Niederholer und zum Cockpit geführt werden. Die Schoten werden back- und steuerbord am Heck durch Blöcke zu den Winschen umgelenkt. Das sind erstmal ziemlich viele Leinen, die sich da an Deck und im Cockpit sammeln und die sortiert sein wollen. Ich habe mich für diese Variante entschieden, um problemlos und schnell vom Cockpit aus halsen zu können.

Als nächstes ziehe ich den Bergeschlauch aus dem Vorluk am Spifall nach oben und sichere den Bergeschlauch provisorisch mit der Bergeleine an einer Klampe. Dann pumpe ich mit wenigen Hüben den Trichter auf und schlage Schoten und Niederholer an den farblich gekennzeichneten Schothörnern an. Ich bringe das Schiff auf einen Raumwindkurs ca. 120 Grad AWA und fixiere Niederholer und Schot entsprechend, damit das Segel nach dem Setzen möglichst sofort richtig steht. Dann ist es soweit. Langsam und vorsichtig ziehe ich den Bergeschlauch nach oben. Das Segel fällt erst locker und leicht unten aus dem aufsteigenden Bergeschlauch bis es der Wind allmählich füllt und so mithilft. Etwa in der Mitte stockt es kurz, weil mit der Tragfläche insgesamt mehr Tuch an dieser Stelle zusammenballt. Ein leichtes Ruckeln und Ziehen reicht und der Rest des Segels ist jetzt auch draußen und wird vom Wind gebläht. Die Bergeleine wird belegt und es geht zurück ins Cockpit. Kurs zum Wind und Schoteinstellungen passen, so dass das Segel adhoc erstmal halbwegs steht und bei 4 – 6 kn AWS leicht aber stetig zieht.

Ich bin erstmal überwältigt, weil das so einfach ging. Dann fange ich an die Schoten fein aus zu trimmen und den Segelstand zu optimieren. Das Schiff schnurrt dahin und ich staune über die Stabilität der Tragfläche, die das Segel auch bei diesem leichten Wind sehr schön auseinander spreizt. Bei diesem ersten Versuch komme ich auf etwa 90 Grad AWA, bevor das Vorliek anfängt unruhig zu werden. Durch den höheren Kurs nimmt der scheinbare Wind jetzt auf 6 – 8 kn zu und man spürt an der Schot schon deutlich die Kraft im Segel. Das Schiff läuft jetzt gute 5 kn. Gleichzeitig dreht der Wind aber immer mehr auf West, so dass ich meinen Kurs parallel zu Küste nicht halten kann und langsam zu nah unter Land komme.

Jetzt muss ich also den Bora bergen. Ich gehe wieder auf raumen Kurs und öffne die Schot. Während das Segel schon einfällt, schnell aufs Vorschiff und mit der Bergeleine den Schlauch nach unten ziehen. Das geht – zumindest bei diesem leichten Wind – wunderbar einfach und glatt. Auch über die Tragfläche lässt sich der Bergeschlauch – entgegen meiner anfänglichen Befürchtung – mit ein bisschen Ruckeln und Ziehen ganz einfach nach unten über das Segel ziehen. Dann das Spifall lösen und den gefüllten Bergeschlauch durch das Vorluk ins Vorschiff fieren.

Das Ganze hat etwa eine Stunde gedauert und ich bin begeistert davon wie gut es geklappt hat. Mir fällt ein Stein vom Herzen, denn so ein Segel ist doch eine ziemliche Investition, zumindest für meine Verhältnisse. Einige Tage später mache ich bei ähnlichen Windverhältnissen einen 2. Versuch und wieder klappt alles wunderbar und reibungslos. Es gibt sicher noch viele Kleinigkeiten in der Handhabung, die sich einschleifen müssen und Optimierungsmöglichkeiten im Trimm. Und bei mehr Winddruck wird die Dynamik sicher sehr viel höher sein und entsprechend sauber müssen dann die Abläufe sitzen, gerade wenn man einhand segelt. Ich fühle mich jetzt aber bei Winden bis 10 kn mit dem Segel schon relativ sicher und freue mich auf die nächsten Lernschritte.


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