Internet an Bord

Erfahrungsbericht Internet an Bord (im küstennahen Bereich)

Wer kennt das nicht: kaum kommt der Zielhafen in Sicht, werden die ersten Handys gezückt und e-mails gecheckt, Nachrichten ausgetauscht sowie Liegemöglichkeiten, Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten und Verkehrsverbindungen des Zielhafens ausgecheckt. So weit, so gut, so individuell. Denn heute hat meist jeder einen Roaming fähigen SIM Kartenvertrag. Und insoweit kann jeder nach seiner Facon glücklich werden, wenn und solange er oder sie Netz hat. Muss mich als Skipper nicht kümmern, muss ich auch nicht schön finden.

Anstrengend wird es, wenn dann die Ersten im Hafen größere Datenmengen runter oder raufladen wollen. Da ist plötzlich der individuelle Handyvertrag nicht mehr so geeignet, sondern eher Hafen WLAN angesagt. Wenn es denn verfügbar wäre, was es aber häufig genug nicht der Fall ist. Mal ist das Hafen WLAN nicht erreichbar, mal ist es zu langsam da überlastet, manchmal muss man sich auch an bestimmte Stellen in der Nähe des Hafen WLAN Routers begeben, um überhaupt eine Verbindung zu bekommen. Spätestens dann wird der Skipper mit Fragen und Klagen und Ideen bestürmt, wie denn das Problem Internetzugang gelöst werden könne.

Und in Zeiten zunehmender Home Office Möglichkeiten und beruflich bedingter Verfügbarkeits­erwartungen, aber auch angesichts allfälliger Downloads von Chart-, Betriebssystem- und Treiberupdates und Wetterdaten sieht allmählich auch der Skipper eine hohe und verlässliche Bandbreite im Hafen als angenehme Rahmenbedingung an. Besonders für Wetterdaten und unvermeidliche calls kann eine Internetverbindung bis zu 20 nm von der Küste durchaus interessant und erstrebenswert sein.

Und ja, auch in einem entspannten Segelurlaub mit kleiner Crew wollen Urlaubsvideos und -bilder satt gepostet und versendet werden, wann immer es möglich ist. Und natürlich soll gerne auch die ein oder andere Serie gestreamt und ganz viel recherchiert werden.

Was also wird benötigt um all diese neuzeitlichen und meistens unaufschiebbaren Bedürfnisse zu befriedigen? Am besten Internetzugang über ein bordeigenes WLAN, in das der Benutzer sich einmal einloggt und dann durchgängig Zugang zum Internet hat, solange bordseitig ein Zugang via WLAN oder LTE-Mobilfunknetz erreichbar ist. So kann sich jeder Gast, der an Bord kommt, einmal im bordeigenen WLAN anmelden und hat sofort und dauerhaft Internetzugang, solange das bordeigene System seinerseits Zugang hat, entweder über das Hafen WLAN oder über das Mobilfunknetz. Da Router und WLAN bzw. Funknetz Antennen bordseitig eine erheblich höhere Reichweite haben als die einzelnen Devices der Gäste steigen die Internetverfügbarkeit und damit der gefühlte Komfort für alle.

Wie kann eine technische Umsetzung im Einzelnen aussehen?

Zentrales Element ist ein WLAN- und Mobilfunk fähiger Router, wie in meinem Fall ein Teltonika RUT950 – LTE WLAN Router.

Das ist ein robuster, für industrielle Anwendungen konzipierter LTE Router, der mit großen Temperaturbereichen und hoher Luftfeuchtigkeit bis 90% zurecht kommt. Die Konnektivitäts-Redundanz durch Dual-SIM-Failover ermöglicht den übergangslosen Wechsel in das jeweils optimal verfügbare Funknetz (was natürlich dann auch 2 SIM Karten für unterschiedliche Netze erfordert). Eine ähnliche Failover Funktionalität mit einstellbarer Priorisierung ermöglicht den automatischen und übergangslosen Wechsel zwischen verfügbarem WLAN (z. B. Hafen WLAN) und Mobilfunknetz (wenn Hafen WLAN zu langsam oder nicht verfügbar). WiFi sendet mit 20dBm. Redundante Antennenanschlüsse ermöglichen es – neben den direkt am Router angebrachten Antennen – zusätzliche externe Antennen in optimaler Signalposition zu nutzen und so die Reichweite erheblich zu erhöhen.

Entsprechende Antennen, die optimal auf WLAN bzw. Mobilfunkfrequenzen ausgerichtet sind, gibt es im einschlägigen Fachhandel.

Auf dem Bild oben rot eingekreist die eingesetzte Scout Sea-Connect-Breitbandantenne für das Mobilfunknetz mit einer Abdeckung für 3G/4G/LTE- und WLAN-Systeme in einem kompakten und wasserdichten Design mit 4 dBi Gain.

Die WLAN und LTE Antennen werden mit N-Stecker an kleine Adapterkabel angeschlossen, die ihrerseits über SMA Stecker bzw. Buchse mit dem Router verbunden sind. Die Verbindungskabel zwischen Antennen und Router sollten nicht viel länger sein als 5 m, weil sonst durch die exponentiell zunehmende Signaldämpfung zu viel Signalstärke verloren geht.

Aus diesem Grund habe ich den Router an einem geschützten Platz in der Backskiste am Heck montiert, da der Antennenmast am Heck steht und ich so auf eine Kabellänge von knapp 5 m komme.

Im Mobilfunknetz geht es bis zum 4G (LTE) – KAT4 bis zu 100 MBit/s, im WLAN – bis zu 300 MBit/s. Außerdem sind 4 Ethernet Anschlüsse vorhanden, über die ein bordinterner LAN Verteiler dargestellt werden kann.

Der Router kann über ein passendes Anschlusskabel direkt mit 12 V Spannung versorgt werden.

Nachdem die SIM Karte eingelegt ist, kann es losgehen. Um das System zu konfigurieren und zu administrieren, steht eine Software zur Verfügung, die über die IP Adresse des Routers aufgerufen wird.

Erste Aktion beim ersten Aufruf ist die Änderung des herstellerseitig vergeben Standard Administrator Passworts, weil sich ansonsten Externe leicht Zugang zum Router verschaffen könnten.

Falls die SIM Karte für die Aktivierung die Eingabe einer PIN verlangt, ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür. Dafür kann die SIM Karten Konfiguration genutzt werden.

Wenn über die SIM Karten Vertrag ein Internet Zugang enthalten ist, ist dieser nun verfügbar. Im nächsten Schritt wird ein bordeigenes WLAN angelegt, das natürlich mit WPA2 Verschlüsselung geschützt werden sollte.

Damit können jetzt alle Devices ins WLAN eingeloggt werden und haben damit via LTE Internetzugang. In der Administrationssoftware kann geprüft werden, ob ein externes Hafen WLAN erreichbar ist.

Falls das der Fall ist, kann eine WAN Verbindung zu diesem externen WLAN eingerichtet werden, über die dann der Internetzugang geroutet wird, solange dieses externe WLAN erreichbar ist.

Für den Sonderfall, dass beim erstmaligen Öffnen der WAN Verbindung über das externe WLAN eine browserbasierte Bestätigung der Geschäftsbedingungen erforderlich ist, passiert das i. d. R. wenn das erste Mal ein Browser über die WAN Verbindung auf das Internet zugreift, alle folgenden Zugriffe können anschließend problemlos durchgeführt werden.

Ist das externe WLAN nicht mehr erreichbar – etwa weil man sich aus dem Hafen fortbewegt – greift das automatische Failover von WLAN auf LTE, sofern es aktiviert ist.

Im zugehörigen Dashboard findet man schnell die Übersicht über den aktuellen Zustand der Verbindungen und den Zugang zu allen Einstellungen.

Fazit:

In meinen Augen besteht damit eine schöne und leicht zu handhabende Möglichkeit, für Skipper und Gäste den Internet Zugang an Bord zu vereinfachen und zu verbessern. Durch die externen Antennen in ca. 4 m Höhe verbessert sich die Reichweite für Bord WLAN und LTE erheblich gegenüber Geräten, die in der Hand gehalten werden.

Es ist kein Fehler, wenn die Mitsegler an Bord einen Teil ihrer (Internet) Gewohnheiten beibehalten können. Das gibt ihnen Sicherheit und hebt die Stimmung. Und wenn die Stimmung beim Segeln gut ist und jeder seine Aufgabe hat und mit Spaß erledigen kann, dann bleiben die Handys und andere Devices ohnehin in der Tasche oder unter Deck und die analoge Welt mit ihren Herausforderungen und Freuden steht im Vordergrund.

Was mir fehlt, ist ein Barcode, den Gäste mit ihren Devices einfach scannen und sich so im Bord WLAN bequem anmelden können.

Nachtrag am 04.04.2021: Achim, ein freundlicher Leser, hat folgenden, hilfreichen Hinweis bzgl. Barcode basierter Anmeldung gegeben: “ Wie wäre es mit einem eigenen QR-Code, den kannst Du Dir sehr einfach individuell erstellen, ausdrucken (oder auf einem Gerät als Foto speichern) und von allen neuen Bordmitgliedern mit deren Smartphone Kamera scannen lassen. QR-Code Generatoren findest Du bei Google kostenfrei, z.B. hier: https://www.qrcode-generator.de/ „. Vielen Dank für diesen Hinweis, Achim. Ich habe es probiert und es funktioniert hervorragend.


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